Zwanzigste Predigt.
Zwölfte Lagerstätte: Einleitung.
4 Buch Mosis 10,10-12.
So kommen wir denn endlich zu der zwölften Lagerstätte, im zweiten Monate des zweiten Jahres nach dem Auszug aus Egypten. Ich wollte vorab noch zwei Begebenheiten aus der Wüste Sinai melden.
Von dem langen Aufenthalt Mosis auf dem Berge Sinai und in der Nähe Gottes, war sein Angesicht, ohne daß er es wußte, glänzend geworden. Es leuchtete, Strahlen gingen von demselben aus, die zwar herrlich, doch mehr Furcht erregend als lieblich anzusehen waren. Als er daher vom Berge kam, fürchtete sich sowohl Aaron als die übrigen Kinder Israel, sich ihm zu nahen. Moses sah sich also genöthigt, eine Decke oder Schleier über sein Angesicht zu hängen, und wenn er das that, so konnten sie’s aushalten und mit ihm reden. Ging er in die Stiftshütte, so legte er die Decke ab, und dann sahen sie sein Angesicht glänzen. Kam er heraus, so verdeckte er es wieder. War die Herrlichkeit Mosis Sündern unerträglich, was muß dann die Herrlichkeit Gottes selber sein? – Diese Begebenheit hat aber auch ihre Bedeutung, welche uns Paulus 2. Cor. 3. erklärt. Er vergleicht daselbst nemlich Gesetz und Evangelium miteinander, um den Vorzug des letztern vor dem erstern zu zeigen. Das Amt Mosis oder des Gesetzes war nur das Amt des Buchstabens, welcher nicht gerecht, nicht heilig, nicht lebendig, nicht fröhlich macht, sondern tödtet, wogegen das Neue Testament das Amt des Geistes ist, welches gerecht, heilig und selig macht. Jenes predigt und verkündigt nur die Verdammniß, nachdem es alle Menschen als Sünder dargestellt; dieses aber predigt die Versöhnung und die Gerechtigkeit. Jenes hört auf, welches sehr erwünscht ist; dieses aber geht bis ans Ende der Welt, und reicht in die Ewigkeit hinüber. Jenes hatte seine Herrlichkeit, die so groß war, daß die Kinder Israel das Gesicht Mosis nicht ansehen konnten; dieses hat eine überschwänglich größere Herrlichkeit, wogegen jene gar nicht einmal zu rechnen ist, und dabei eine Herrlichkeit, die nicht abschreckender, sondern einladender, nicht Furcht und Grauen erregender, sondern Muth und Vertrauen einflößender Art ist. Moses hing eine Decke vor sein Angesicht, daß die Kinder Israel nicht auf das Ziel und den eigentlichen Zweck des Ganzen sehen konnten, sondern bei dem Aeußern stehen blieben, das doch eigentlich nur auf etwas anderes hinwies, nehmlich Christum, welcher des Gesetzes Ende ist. Diese Decke hing nicht nur zu Pauli Zeiten, sondern hängt leider auch noch heutzutage – nicht vor dem Angesichte Mosis, sondern vor ihren Herzen über dem Alten Testament, so oft Mosis gelesen wird. In Christo hört sie auf; denn Ihn erkennen, ist das ewige Leben, und in ihm sind alle Verheißungen Ja und Amen. Wenn sich Israel oder sonst ein Mensch zu ihm bekehrt, so wird diese Decke weggethan. Ach! daß diese Decke, die von Natur vor aller Menschen Herzen hängt, von uns möge weggethan werden, damit sich des Herrn Herrlichkeit in uns, wie in einem Spiegel, abdrücke, und wir sie mit aufgedecktem Angesichte so sehen, daß wir von Gestalt verändert und verklärt werden in dasselbige Bild, von einer Klarheit zu der andern, als vom Herrn, der der Geist ist. – Dies ist einiges Wenige über das Geheimniß der Decke Mosis. Ein neuer Beweis, wie sehr alles im Alten Testament überhaupt, und in der Geschichte der Kinder Israel insbesondere, seine Bedeutung habe, wenn wir’s gleich nicht überall so genau und mit solcher ungezweifelten Gewißheit anzugeben vermögen, wie hier. Mosis Angesicht und unsere Seelen werden glänzend von dem vertraulichen Umgang mit Gott. Laßt uns denselben fleißig üben. Wer dem Herrn anhängt, ist Ein Geist mit ihm.
In der Wüste Sinai hatte Aaron das Unglück, daß ihm seine beiden ältesten Söhne zugleich, und von der Hand des Herrn, getödtet, starben. Ihre Sünde bestand darin, daß sie mit fremdem Feuer im Heiligthum räucherten. Da fuhr ein Feuer aus von dem Herrn und verzehrte sie, daß sie starben vor dem Herrn. So genau hielt, so genau hält es im Dienste des Herrn. Es kommt nicht so sehr, oder nicht allein auf dasjenige an, was geschieht, als vielmehr auf die Art und Weise, wie etwas geschieht. Moses rechtfertigte Gottes That vollkommen, indem er sprach: das ist es, was der Herr gesagt hat: ich werde geheiliget werden an denen, die zu mir nahen, und vor allem Volke werde ich herrlich werden. Aaron aber schwieg; dachte er nicht vielleicht: das ist für dein goldenes Kalb! Gott offenbarte hier auf’s neue seine Heiligkeit. O! was hat es zu sagen, zu Gott zu nahen! und wie roh, wie leichtsinnig, mit welcher Präsumtion und Arroganz nahen sich die Menschen der Wahrheit, der Bibel, dem Gebet, dem Gehör des göttlichen Wortes, der Taufe, dem heiligen Abendmahl. Wollte Gott das häufig wiederholen, was er an Aarons Söhnen – als ein warnendes Exempel für alle Zeiten, einmal that, wie oft würde ein tödtendes Feuer von ihm ausfahren! Wir sollen seinen heiligen Namen anders nicht, denn mit Furcht und Ehrerbietung brauchen, auch wissen, daß Gott ein heiliger Gott ist, und ihn deswegen unsere Furcht und Schrecken sein lassen. Dem Aaron und seinen beiden übrig gebliebenen Söhnen wurde überdies befohlen, kein Zeichen der Trauer blicken zu lassen, sie möchten anders auch getödtet werden. Sie sollten von der Stiftshütte nicht weichen, wie wenn nichts vorgefallen, und es der Gemeine überlassen, über diesen Brand zu weinen, den der Herr gethan. Ueberhaupt erscheint Moses hier sehr streng und ohne Mitleiden; denn als Aarons Söhne beim Opferdienst unterlassen hatten, das Opferfleisch zu essen, ward er zornig, ließ sich aber doch von Aaron sagen, als dieser sprach: es ist mir so gegangen, wie du siehest, und ich sollte vom Opfer essen! – So ist aber das Gesetz – ohne alles Mitleiden, ohne alle Schonung fordert es das Allerhöchste. In den größten Trübsalen soll man sich auch nicht mucken, sondern alles über sich her lassen gehen. – Wer auf diesem Wege zum Ziel zu gelangen hofft, der irrt sich gewaltiglich. Wenn ihr’s wissen wollt, so bemerke ich noch, daß Misael und Elzaphan, die Söhne Usiels, die beiden Getödteten begruben. Misael aber heißt: er ist Gottes; Elzaphan: Gott hat sich verborgen; und Usiel: meine Stärke ist Gott. Von den übrig gebliebenen Söhnen Aarons hieß einer Eleazar: Gott hilft; der andere Ithamar: Palmeninsel. Diese ist dort; da sind keine Thränen, keine Verluste, sondern Palmen, als Zeichen des Sieges und der Freude. Er wird mich erlösen, sagt Paulus, von allem Uebel, und aushelfen zu seinem himmlischen Reiche.
Bei dieser Gelegenheit befahl Gott den Priestern, sie sollten kein stark Getränk zu sich nehmen, wenn sie in die Stiftshütte gingen. Aarons Söhne mochten des zu viel zu sich genommen und sich also mit dem Feuer vergriffen haben. Unmäßigkeit und Trunkenheit sind an sich Sünde und gereichen niemandem zur Entschuldigung anderer Sünden, die etwa im Trunk begangen werden möchten, sondern würdigen den Menschen zum besinnungslosen Vieh herab.
Gott gab in der Wüste Sinai auch die Ordnung an, in welcher sich die zwölf Stämme lagern oder ziehen sollten. Juda war in dieser Ordnung der erste, Naphtali der letzte. Sie bildeten ein Viereck, in dessen Mitte die Stiftshütte war, so daß immer drei Stämme nach einer Himmelsgegend gelagert waren. Ich kann mich nicht wohl enthalten, die Bedeutung verschiedener Namen der Anführer, die ich nach dem Alphabet nennen will, anzugeben, weil diese Namen verschiedenes enthalten, was wirklich einem Jeden zu statten kommen muß, der seine Reise glücklich durch die Wüste dieser Welt, nach dem himmlischen Canaan machen will. Der erste Anführer hieß Amminades: mein williges Volk. Und gewiß ist Bereitwilligkeit, der Welt und Sünde zu entsagen und Gott zu gehorchen, eine Eigenschaft, ohne welche kein Mensch das himmlische Canaan erreicht. So lange es an dieser Willigkeit fehlt, mangelt ja auch aller Anfang des Guten. Nach deinem Siege aber wird dein Volk dir williglich dienen im heiligen Schmuck, Psalm 110. – Ein anderer Anführer hieß Ammi Hud: Herrlichkeit meines Volks. Und Mosi schien die Herrlichkeit des Volkes Gottes so vortrefflich, daß er lieber mit demselben Ungemach leiden, als die zeitliche Ergötzung der Sünde haben wollte, und die Schmach Christi achtete er für größern Reichthum, als die Schätze Egypti, denn er sahe an die Belohnung. Naemi gab sich alle Mühe, ihre Schwieger die Ruth zu bereden, zu ihrem Volke zurückzukehren; aber vergeblich. Dein Volk, erklärte sie, ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. David wollte lieber der Thür hüthen in seines Gottes Haus, als lange wohnen in den Pallästen der Gottlosen. Und gewiß muß jemand von den unnennbaren Vorzügen des Volkes Gottes, aller seiner Leiden ungeachtet, so überzeugt sein, daß er sie allem andern vorzieht, und lieber alles verließe, als daß er auf den Antheil daran Verzicht thäte, bereit, alles zu verläugnen: sonst kann er Christi Jünger nicht seyn. So lange jemand das Volk Gottes verachtet, einen Eckel und Widerwillen dagegen hat, sein lieber spottet als es ehrt, lieber Böses als Gutes von demselben sagt und hört, kann er nicht ins Reich Gottes kommen. Dieser Ammi Hud darf nicht fehlen! –
Ammi Sadai war ein dritter Anführer und heißt: des Allmächtigen und Allgenugsamen Volk. Darin besteht eben seine Herrlichkeit. Es sitzet unter dem Schirm des Allmächtigen und wohnt unter den Flügeln des Höchsten, nach Psalm 91. Aus Gottes Macht wird es bewahrt. Christus ist’s, der’s mächtig macht, durch ihn überwinden sie in allem weit. Wäre es nicht in einer so mächtigen Hand, so wäre es schon längst um dasselbe geschehen gewesen, da der Teufel, die Welt und unser eigen Fleisch nicht aufhören, uns anzufechten, wir aber in uns selbst also schwach sind, daß wir auch nicht einen Augenblick bestehen können.
Ein vierter Anführer hieß: Abidan: mein Vater ist mein Richter – theurer Führer. Wie nothwendig und wie köstlich ist für einen Pilger auf seiner beschwerlichen Wallfahrt, durch die lange und grauenvolle Wüste, die, aus dem Evangelio geschöpfte Ueberzeugung: nicht das Gesetz, nicht der Teufel, ja nicht sein eigen Gewissen, sondern Gott, als sein versöhnter Vater in Christo, sei sein Richter, und die Genugthuung Christi der Grund seines Urtheils. Sind die Beine mit dieser Ueberzeugung gestiefelt; so wandelt’s sich munter fort. An ihr ist ungemein viel gelegen, um gewisse Tritte zu thun mit unsern Füßen, um Muth zu behalten, um nicht zu ermüden. Nicht ein strenger Herr, sondern mein Vater ist mein Richter, das soll der Bußfertige dem Evangelio glauben lernen, so wird ihm sein Gang nicht sauer werden, nach Spr. 4,12.
Ahieser hieß ein fünfter Anführer: mein Bruder ist mein Helfer. So verhält es sich. Nach dem Bericht des neuen Testaments haben wir einen Blutsverwandten, haben wir einen Bruder und zwar den Erstgebornen, der unser Helfer ist, nehmlich Jesum, denn er schämet sich nicht, uns Brüder zu heißen. Hebr. 2. Liegt darin nicht eine Ermunterung zum Glauben? Einem Bruder traut man in der Regel doch noch wol vorzugsweise, und wer sollte nicht einem so guten vertrauen? Dies Vertrauen ist es nun, worauf es bei der Reise durch die Wüste ganz absonderlich ankommt, und woran es uns beileibe nicht fehlen darf. Je mehr Vertrauen, desto besser reisen, je weniger desto beschwerlicher; denn da wir, als blutarme Leute nicht auf unsern eigenen Beutel reisen können, so müssen wir’s auf Credit für Rechnung unsres erstgebornen Bruders thun, und je freimüthigeren Gebrauch wir von seiner unerschöpflichen Casse zu machen verstehn und uns unterstehn, desto weniger wird’s uns am Nothwendigen oder Bequemlichen fehlen.
Da ist noch ein sechster Anführer, der lieber nicht dabei sein sollte, weil er uns allerhand Brechspiel macht. Aber wir werden es uns schon gefallen lassen und damit so gut fertig zu werden suchen müssen, als es angehen will. Er heißt Ahira: mein böser Bruder. Darüber brauche ich nicht viel zu sagen, denn ihr werdet seine unberufene Einmischung wol gewahr werden. Sogar glaube ich, daß wir dies nicht einmal unsern bösen Bruder, sondern unser böses Selbst nennen dürften, da ein Bruder, wie nahe er uns auch, doch noch ein anderer ist, wie wir selbst. Doch nein. Sind wir wiedergeboren, so sind wir’s nicht selbst, sondern unser Bruder. So thue ich nun das Böse nicht, sondern die Sünde, die dieser Ahira ist, der alte Mensch, den wir ablegen, kreuzigen und tödten müssen; ist das Gesetz in den Gliedern, das da widerstreitet dem Gesetz im Gemüthe, ist das Fleisch, welches gelüstet wider den Geist, ist die Sünde, die uns immerdar anklebt, ist das, was uns, so lange wir in den Hütten wohnen, beschweret und seufzen macht. Wol ein böser Bruder. Wohl dem, der sich täglich mit ihm zankt und kämpft, wo doch endlich der Größere dienstbar wird dem Kleineren und der Ahira, der Führer sein will, unter die Füße getreten wird. Ach! daß dies bald geschähe. Dies war ein Sohn Enan, d.i. Groß-Auge, denn wol will er groß sein. –
Dies sind die Anführer, deren Namen mit einem A anfangen. Laßt uns jetzt einige anführen, die mit dem Buchstaben E anheben. Einer hatte den köstlichen Namen Eliab, das heißt: Gott ist mein Vater. Das ist ja etwas unaussprechlich Köstliches. Vater – deutet dies nicht das allertheuerste Verhältniß und die erwünschteste Aussicht an, auf Liebe, Pflege, Fürsorge, Erbschaft; wenn gleich auch das Recht der Regierung und Züchtigung mit darin liegt, so wie die Verpflichtung der Ehrerbietung, der Gegenliebe, des Vertrauens, des Gehorsams und der Unterwerfung. Aber wird nur erst Gott recht als Vater erkannt, lehrt der Heilige Geist nur das i, was in dem Namen Eliab vorkommt, und auf teutsch mein heißt, recht deutlich aussprechen, schreit er erst das Abba recht im Herzen, so findet sich die Ehrerbietung, die Gegenliebe, das Vertrauen, der Gehorsam, die Unterwerfung, wie von selbst, mag auch der Ahira stets daran hindern wollen. Abraham ward stark im Vertrauen und durch dasselbe. Und dies Vertrauen, das dem Namen Eliab gemäß ist, macht stark zur getrosten Fortsetzung der Reise nach Canaan und hilft über tausend Schwierigkeiten hinüber. Werfet deßhalb euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. Züchtiget er uns auch, so gibt es uns doch dem Tode nicht hin. Züchtigt er uns: so erweiset er sich dadurch gegen uns als gegen Kinder, und thut’s ihnen selbst zu Nutz, auf daß sie seine Heiligung erlangen.
Ein zweiter Anführer hieß Elizur: eine feste Burg ist unser Gott; der Name des Herrn ist ein festes Schloß. Wie oft nennt David Gott seine Burg. So lehrten ihn seine vielen Gefahren und Drangsale Ihn kennen; denn eine Burg dient dazu, etwas vor den Anfällen der Feinde zu bergen und sicher zu stellen. Als Luther keinen sonstigen Schutz mehr hatte, sang er, wie eben angeführt, und war getrost in seinem Sinn. Außer Gott ist kein Schutz, und neben ihm bedarf man keines sonstigen. Elizur. Er will eine feurige Maurer um die Seinigen her sein. Und wie sehr bedürfen sie’s bei den vielen Gefahren, welche sie, bald mehr, bald weniger merkbar, umringen, und denen sie selbst um so weniger gewachsen sind, je mehr sie dies meinen möchten.
Ein dritter Anführer hieß Eliasaph, ein Sohn Deguel. Der letztere Name bezeichnet die Erkenntniß Gottes, der erstere: Gott gibt Wachsthum und Gedeihen. Und ist nicht beides zum glücklichen Durchgang durch die Wüste und Eingang in Canaan unentbehrlich? Christus erklärt die Erkenntniß des einigen wahren Gottes und dessen, den er gesandt hat, für das ewige Leben. Es gibt keine höhre, nöthigere und heilsamere Erkenntniß, als die Erkenntniß Gottes, wir mögen sie in sich selbst oder in ihren Früchten betrachten. Ohne sie ist alles sonstige Wissen eitel und vergeblich. Sie ist nothwendig, um uns gebührlich gegen Gott zu verhalten, um ihn von ganzem Herzen zu lieben, zu fürchten und zu ehren, um auf ihn allein und ganz zu vertrauen, um von ihm in aller Demuth und Geduld alles Gute zu erwarten, und folglich ist sie auch nothwendig zu unserer Heiligung, Beruhigung und Trost. Es ist unmöglich, Gott recht zu erkennen, ohne daß die seligsten Früchte daraus erwachsen; wenn es daher einst nach der Verheißung dahin kommen wird, daß die Erkenntniß des Herrn die Erde erfüllt, wie das Wasser das Meer, so wird’s auch im Uebrigen an keiner Glückseligkeit mangeln. Doch sagt der Apostel, wir sehen hier nur wie durch einen Spiegel, unser Erkennen sei nur theilweise und Stückwerk. Und gilt das nicht auch von allem Uebrigen bei den Meisten unter den Heiligen, von ihrer Erneuerung, von ihrem Glauben und ihrer Liebe? Wie manchen Seufzer preßt ihnen dieses aus: wann werde ich dahin kommen, daß ich Gottes Angesicht schaue! Wie manche Thräne kostet’s ihnen, wie manche Beschämung, und wie müssen sie nicht mit David sagen: all’ mein Heil und Thun ist, daß nichts wächst. Wie wohl reimt sich dazu das, was der Name Eliasaph ausdrückt: Gott gibt Wachsthum. Auch diesen suchen sie also bei dem nehmlichen, der auch die ersten Anfänge verleiht. Er gibt auch das Vollbringen. Sie sollen ja wachsen wie das Gras und wie die Weiden an den Wasserbächen. Ohne ihn kann aber freilich keiner seiner Länge eine Elle zusetzen, oder auch nur ein Haar schwarz oder weiß machen. – Er gibt das Gedeihen, so rühmt der Apostel, also daß er hinzusetzt: so sei nun weder der da pflanzt noch der da begeußt etwas. Zwar muß Beides im natürlichen und geistlichen geschehen, wie Paulus dies auch mit aller Treue wahrnahm. Doch läßt sich dies um so unverdrossener und fröhlicher üben, jemehr es bei uns ausgemacht ist: Eliasaph, Gott gibt das Gedeihen. Tröstlich ist dies und belehrend im Ganzen und Großen, wenn wir unsern Blick richten auf das Predigtamt, auf das Missionswesen unter Christen und Heiden. Ist Gott es, der das Gedeihen gibt nun so pflanze und begieße man getrost. Macht auch die Beschaffenheit des Ackers wenig Muth, wird auch die Wirkung der Aussaat nicht alsbald, oder nicht in dem Maße sichtbar, als es die Menschenliebe, oder auch mitunter die Eigenliebe wünscht – geschieht es nur im Aufblick auf den Eliasaph, so wird man es eben so getrost und zuversichtlich abwarten, bis er das wirkliche Gedeihen zu der Arbeit gibt. Im Besonderen ist es nicht weniger ermunternd. Fahr’ du mit deiner Arbeit fort, brauch’ die Gnadenmittel, höre, lies und nimm betend deine Zuflucht zu Jesu. Wer weiß, wie, wo und wodurch er Gedeihen gibt, und deinen neuen Menschen wachsen macht, daß der Größere dienstbar werden muß dem Kleineren, und der kleine Benjamin ans Herrschen kommt.
Ein vierter Führer hieß Elisama. Eine köstliche Bezeichnung, etwas, das wir für unsre Pilgrimschaft höchlich bedürfen. Es heißt: mein Gott erhöret. O! du Erhörer des Gebets, so titulirt ihn David Ps. 65,3. Du erhörst Gebet, darum kommt alles Fleisch zu dir. Rufe mich an in der Noth, so will ich dich erretten und du sollst mich preisen. Wer bittet, der empfähet. So wollen wir denn nicht murren über unsere Armuth, unsere Schwachheit, unsere vielfachen Bedürfnisse, sondern daraus einen Sporn zum Gebet hernehmen und bei der Uebung desselben uns erinnern: Elisama, mein Gott erhöret; mögen wir ihm dabei auch weder Zeit noch Maaß und Weise vorschreiben dürfen, genug: so wir etwas bitten nach seinem Willen, so hört er uns. Und so wir wissen, daß er uns höret was wir bitten, so wissen wir, daß wir die Bitte haben, die wir von ihm gebeten haben. Kein Wunder aber, daß ihr nichts habt, weil ihr nicht bittet. Bittet aber, so werdet ihr nehmen, daß eure Freude vollkommen sei. Dies sind die Namen der Heerführer, die mit dem Buchstaben E anfangen.
Der Name eines Anführers fängt mit dem Buchstaben G an und heißt Gamliel: Gott ist mein Lohn! Das Wort El, starker Gott, kommt bei den meisten Namen vor, und mit Recht, denn von ihm und zu ihm sind alle Dinge. Er ist’s, von dem alle gute und vollkommene Gaben herab kommen, dem dafür auch alle Ehre gebührt. ich bin dein sehr großer Lohn, sagt Gott zum Abraham und seinem Saamen, und Christus verheißt demjenigen, der um seinetwillen verläugnet Häuser, Kinder, Aecker, oder was es sei, werde es hundertfach wiederbekommen im Reiche Gottes mit Verfolgungen und in der zukünftigen Welt das ewige Leben. Im Liede singen wir:
Doch alle Müh’ ist schon bezahlet,
Wenn ich die güld’ne Himmelsthür
Mir stell’ im Glauben und Hoffnung für.
Müssen wir denn auch durch viel Trübsal in’s Reich Gottes eingehen, so wirkt sie, die doch zeitlich und leicht ist, eine ewige und über alle Maßen wichtige Herrlichkeit uns, die wir nicht sehen auf das, was sichtbar, sondern auf das, was unsichtbar und ewig ist. Was will doch nicht das Wort Gamliel sagen, was faßt es nicht in sich! Ich bin dein Lohn. Gott der Allgenugsame will also alles, was – wenn ich so reden darf – in seinen Kräften ist, aufbieten, um den Seelen das zu erstatten, was sie etwa um seinet- - doch wie darf man sagen um seinetwillen? – das sie um ihres eigenen Heils willen verläugnen, was sie an Kampf, Ungemach und Mühe übernehmen. Er will’s ihnen hienieden schon erstatten, und sollte das etwa fehlen, doch dort desto gewisser und vollkommener. Petri Frage. was wird uns dafür? ist keineswegs verwerflich, vielmehr äußerst beherzigungswerth und wichtig. Was wird dir dafür, daß du der Welt und Sünde dienst, daß du allem dem so unersättlich nachjagst, was sie dir an Scheingenüssen anbeut – und was wird dir dafür, wenn du hiemit der Welt und was dem Fleisch gefällt, rein absagest und Christo an? Leg’ dies bedächtlich auf die Wagschale gegeneinander und bestimme darnach deine Wahl. Auf kurze Lust folgt schwere Last, auf kurze Müh’ ein wenig Glück. Wer das einigermaßen zu würdigen weiß, was es heißt: Gamliel, Gott ist mein Lohn, der wird sich nicht viel an die Beschwerden der Wüste kehren, sondern nachjagen dem vorgesteckten Ziel, dem Kleinod, welches vorhält die himmlische Berufung in Christo Jesu, bringt’s ein Tag doch wieder ein. Gamliel war ein Sohn Pedazur. Auch ein inhaltsreicher Name. Erlösende Burg, wodurch man sicher das glänzende Ziel erreicht. Gideoni war auch eines Heerführers Vater. Mein Zerstörer, ist die Bedeutung dieses Namens. Mit Recht können wir Christum so nennen, denn er ist gekommen, die Werke des Teufels zu zerstören. Wir bedürfen sein, als eines Zerstörers des Babels, das in uns ist. Sein Wort soll zerstören alle Festungen und Höhen, die sich erheben wider das Erkenntniß Christi.
Die Namen zweier Anführer fangen mit dem Buchstaben N an, nemlich: Nahesson und Nethanel. Der erste Name bezeichnet was schlangenartiges, und wir wissen, daß, wie wir uns hüten sollen, daß die Schlange unsere Sinne nicht verrücke, von der Einfalt des Evangeliums, so empfiehlt uns Christus doch auch bei der Taubeneinfalt, klug zu sein wie die Schlangen. An der Klugheit der Gerechten darf’s uns nicht fehlen. Die Klugheit lehrt gerade diejenigen Mittel in Anwendung bringen, welche am geeignetsten sind, zum Zweck zu führen. Wohl uns, wenn wir klüglich die Mittel zu ergreifen wissen, die am geschicktesten sind, unsern geistlichen Feinden Abbruch zu thun, und uns unsern Vortheil zu sichern, damit wir nicht überlistet werden, sondern alles wohl ausrichten und das Feld behalten. Wie klug wußte z.B. das kananäische Weib, Christum in seinen eigenen Worten also zu fangen, daß er ihr gleichsam helfen mußte. Wie sehr aber mangelt’s dem an Klugheit, der über dem Irdischen das Himmlische versäumt! so wie auch dem Bekümmerten, der sich so leicht vom Glauben abhalten läßt, und bei jeder trüben Wolke das Dasein der Sonne bezweifelt! Wie mag man aber auch wol vom ganzen Evangelio fragen: wer ist klug, der dies verstehe? Hos. 14,10.
Nethanael heißt: Gottes Gabe. Der Vater dieses Mannes hieß Zuar, d.i. klein. Und ist es nicht so, daß der Herr den Demüthigen Gnade gibt? Ist es nicht eine große Klugheit, lebendig zu erkennen, daß alles Gute Gottes Gabe sei, sowohl ihm dafür zu danken, als auch in allen Bedürfnissen, sich an die rechte Quelle zu wenden. Und diese Gaben sind so wenig in eines Geizigen Händen, daß er die Juden fragt: habt ihr mich je befunden als einen Quell, der kein Wasser gibt? Und Christus versichert: so euere irdischen Väter, die doch arg sind, können euch gute Gaben geben, wie vielmehr wird der Vater im Himmel den heiligen Geist geben, denen, die ihn darum bitten. Wohl allen Armen, die viel bedürfen, und allen Demüthigen, die sich bereitwillig nicht nur eins und anderes, sondern alles schenken lassen. Wie wollten wir übrigens ohne den Nathanael, ohne Gottes unaufhörliches Geben, auch nur einen Schritt auf dem Lebenspfade weiter kommen, oder darauf beharren. – Noch zwei köstliche Namen sind uns übrig. Der erste ist Pagiel. Er besagt etwas äußerst liebliches, denn er heißt: mein Fürsprecher ist Gott. Ach, wie vortrefflich! An welcher Gabe wird’s uns denn fehlen, mit welcher stillen und festen Zuversicht werden wir jegliche – auch die größte – erwarten, wenn wir das Wort Pagiel fassen: Gott ist mein Fürsprecher. Wir haben einen Fürsprecher bei dem Vater. Ist unser Beten schwach: diese Fürsprache ist desto durchgreifender. – Der letzte Name ist noch wol der köstlichste von allen: Salumiel, der Sohn Zuri Sadai: Gott ist mein Friede, der Allgenugsame meine Burg. –
O Israel, wer ist doch dir gleich? Du Volk, das solche Führer durch die Wüste hat! Wie könnte dir’s fehlen? Dir wird’s gelingen, deinen Feinden aber wird’s fehlen. Wer ist die, die hervorbricht wie die Morgenröthe, schön wie der Mond, auserwählt wie die Sonne, schrecklich wie Heeresspitzen? Herr, öffne unsere Augen, daß wir die Wunder sehen in deinem Wort, und richte unsere Füße auf die Wege des Friedens, du Unser Vater. – Amen.